Safe-Haven Currency and Sequence Risk – Warum die Währung im Ruhestand wichtiger sein kann als viele denken
Wer weltweit investiert, denkt oft an Aktien, Anleihen und Renditen – aber zu selten an die Währung, in der das eigene Leben tatsächlich stattfindet. Der Artikel zeigt, warum genau das in schwierigen Marktphasen über finanzielle Stabilität mitentscheiden kann.
Viele Menschen glauben, bei einem langfristigen Portfolio komme es vor allem darauf an, welche Rendite im Durchschnitt erzielt wird. Doch genau das greift zu kurz. Denn in der Realität entscheidet nicht nur die Höhe der Rendite, sondern auch wann gute oder schlechte Jahre eintreten. Wer in den ersten Jahren der Entnahmephase starke Verluste erlebt, gerät in eine ganz andere Lage als jemand, bei dem dieselben Verluste erst viel später auftreten. Genau dieses Problem steht im Zentrum des wissenschaftlichen Artikels Safe-Haven Currency and Sequence Risk: A State-Dependent Swiss Franc Overlay for Global Portfolios.
Der Artikel macht auf einen Punkt aufmerksam, der in der Praxis oft übersehen wird: Für Menschen, die international investieren, ist nicht nur das Portfolio selbst entscheidend, sondern auch die Währung, in der sie später leben und ihre Ausgaben bezahlen. Wer in Euro oder japanischen Yen lebt, erlebt sein Vermögen nicht so, wie es in US-Dollar auf einem internationalen Börsenbericht dargestellt wird. Die tatsächliche finanzielle Wirklichkeit entsteht erst dann, wenn die Wertentwicklung des Portfolios in die eigene Ausgabewährung übersetzt wird. Genau dort können zusätzliche Risiken entstehen, die in vielen klassischen Betrachtungen kaum sichtbar werden.
Das ist deshalb so wichtig, weil ein weltweit gestreutes Portfolio für einen Anleger außerhalb der USA oft stark vom US-Dollar geprägt ist. Solange die Märkte ruhig sind, fällt das vielen kaum auf. In schwierigen Marktphasen kann es jedoch passieren, dass nicht nur Aktien oder Anleihen unter Druck geraten, sondern gleichzeitig auch die Währungsentwicklung ungünstig verläuft. Dann wirkt sich ein Rückgang doppelt aus: einmal durch fallende Märkte und zusätzlich durch die Übersetzung in die Währung, in der der Anleger tatsächlich seine Miete, seine Lebensmittel, seine Gesundheitskosten und seinen Alltag bezahlt. Der Artikel zeigt damit sehr klar, dass Währung nicht bloß eine technische Nebensache ist, sondern ein eigenständiger Faktor für finanzielle Stabilität.
Genau an diesem Punkt setzt der Beitrag an. Er untersucht die Frage, ob eine kleine, gezielt eingesetzte Reserve im Schweizer Franken helfen kann, solche Phasen besser zu überstehen. Der Schweizer Franken gilt seit langem als eine Währung, die in Krisenzeiten oft stärker nachgefragt wird. Viele Investoren sehen ihn als sicheren Hafen. Der Artikel greift diese Beobachtung auf und überführt sie in eine konkrete, überprüfbare Strategie für internationale Portfolios. Es geht dabei nicht um Spekulation und auch nicht darum, dauerhaft große Teile des Vermögens in Schweizer Franken zu halten. Es geht um eine kleine, regelbasierte Schutzposition, die nur in angespannten Marktphasen eine Rolle spielt.
Die Grundidee ist einfach: Wenn die Märkte deutlich unter Druck geraten, kann eine defensive Währungsreserve wie ein Puffer wirken. Sie soll nicht in erster Linie die Rendite erhöhen, sondern helfen, tiefe Schäden in besonders verletzlichen Phasen zu begrenzen. Gerade zu Beginn des Ruhestands oder in den ersten Jahren regelmäßiger Entnahmen kann das entscheidend sein. Denn wer in einer schlechten Phase laufende Ausgaben finanzieren muss, ist oft gezwungen, Vermögenswerte zu ungünstigen Kursen zu verkaufen. Dadurch wird das Vermögen nicht nur kleiner, sondern die spätere Erholung auch deutlich schwerer. Der Artikel betrachtet deshalb nicht einfach Durchschnittswerte, sondern fragt, wie sich Verluste, Erholungsdauer und Entnahmestabilität in realen Krisensituationen verändern.
Besonders interessant ist dabei, dass der Beitrag keine pauschalen Behauptungen aufstellt. Er sagt nicht, der Schweizer Franken sei immer die beste Lösung. Stattdessen entwickelt er eine nachvollziehbare Regel. Globale Anleihen sollen in die eigene Ausgabewährung abgesichert werden, damit sie ihre stabilisierende Funktion besser erfüllen. Aktien dürfen weitgehend international bleiben. Zusätzlich wird eine kleine Position im Schweizer Franken nur dann aufgebaut oder erhöht, wenn bestimmte Stresssignale auf erhöhte systemische Belastung hindeuten. Damit wird der Franken nicht als Dauerwette verstanden, sondern als Schutzinstrument für ungünstige Phasen.
Damit berührt der Artikel eine sehr praktische Frage, die für viele Anleger viel relevanter ist als abstrakte Börsenkennzahlen: Wie robust ist ein Portfolio in den Jahren, in denen Verluste am meisten Schaden anrichten? Ein Kalenderjahr mit schwächerer Rendite ist für sich genommen noch kein Drama. Problematisch wird es dann, wenn ein Portfolio gerade in den frühen Entnahmejahren stark fällt und sich nur langsam erholt. In solchen Situationen kann eine defensive Währungsreserve helfen, den Rückgang abzumildern, die Zeit unter Wasser zu verkürzen und die Entnahmefähigkeit zu stabilisieren. Genau hier sieht der Artikel den eigentlichen Nutzen einer kleinen, zustandsabhängigen CHF-Position.
Der Beitrag zeigt außerdem, dass die Perspektive des Anlegers konsequent aus der Währung des eigenen Lebens gedacht werden muss. Ein Portfolio mag in US-Dollar auf dem Papier ordentlich aussehen. Für einen Menschen, der in Euro oder Yen lebt, kann die Lage trotzdem deutlich ungünstiger sein. Umgekehrt kann eine kleine Schutzposition, die für einen Dollar-Investor kaum beeindruckend wirkt, in der tatsächlichen Ausgabewährung einen spürbaren Unterschied machen. Der wissenschaftliche Kern des Artikels liegt also in einer einfachen, aber oft vernachlässigten Einsicht: Nicht nur die Vermögenswerte selbst, sondern auch die Währung, in der man Krisen erlebt, entscheidet über die Stabilität eines Portfolios.
Gleichzeitig bleibt der Text realistisch. Der Schweizer Franken wird nicht als magische Lösung dargestellt. Auch eine defensive Währung kann in ruhigen Marktphasen bremsen oder Opportunitätskosten verursachen. Zudem hängt ihr Verhalten von politischen und geldpolitischen Rahmenbedingungen ab. Gerade deshalb ist der Ansatz des Artikels nicht ideologisch, sondern prüfbar aufgebaut: transparent, falsifizierbar und mit konkreten Vergleichsmaßstäben. Die vorgeschlagene Lösung soll nicht beeindrucken, sondern sich in der Realität bewähren.
Am Ende lautet die zentrale Botschaft des Artikels: Wer außerhalb der USA lebt und global investiert, sollte Währung nicht als Randthema behandeln. Für die Stabilität eines Portfolios in schwierigen Jahren kann sie eine entscheidende Rolle spielen. Eine kleine, zustandsabhängige Position im Schweizer Franken erscheint in diesem Modell als möglicher Schutzbaustein – nicht als dauerhafte Spekulation, sondern als konkrete Antwort auf eine einfache Frage: Welche Währung schützt mich, wenn Märkte fallen und ich trotzdem weiter von meinem Vermögen leben muss?
Den vollständigen wissenschaftlichen Artikel finden Sie unter:
Elias Rubenstein (2026): Safe-Haven Currency and Sequence Risk A State-Dependent Swiss Franc Overlay for Global Portfolios
Published in: Journal of Banking and Financial Dynamics, 10(3), 15–21. https://doi.org/10.55220/2576-6821.v10.912